Das Ötzi Projekt fand 2010 im Dunstkreis des Textilforums im Schnalstal in Südtirol statt. Weitere Infomationen finden sich auf der englischsprachigen Version unserer Seite in der Rubrik research. Dies ist der Abschlussbericht, den der beratende Akupunkteuer Irg Bernhard nach einem Jahr verfasst hat.


Vorgeschichte:

Bei der im Jahre  1991 in Tirol gefundenen Mumie, genannt „Ötzi“, fand man an der Hautoberfläche insgesamt 47 strichförmige Tätowierungen welche zu 15  Stichgruppen zusammengefasst werden können. Wie bei dieser Mumie fanden sich auch schon bei früher gefundenen Mumien in den letzten Jahrzehnten Tätowierungen, welche nicht als ornamentale Tätowierungen verstanden werden können. Die Archäologie-Professorin Renate Rolle wies bereits 1992 darauf hin, dass neben Schmucktätowierungen auch andersartige Tätowierungen vorkommen können. Prof. Rolle ging hier davon aus dass es sich um therapeutische Tätowierungen handeln müsse. Vergleichbare Praktiken gibt es heute noch in Indien und Tibet.

Im Jahr 1998 widmete sich ein wissenschaftliches Team, bestehend aus dem Archäologie-Professor Dr.  K. Spindler, dem Akupunktur-Arzt Dr. F. Bahr, dem Akupunktur-Arzt Dr. L. Dorfer und dem Physiologen Prof. Dr. M. Moser, den Zusammenhängen der Tätowierungen und Akupunkturpunkten bei der Gletschermumie Ötzi.

Die Ergebnisse waren erstaunlich: von den 15 Tätowiergruppen liegen neun exakt, bzw. weniger als 5mm von einem klassischen Akupunkturpunkt  entfernt. Zwei Gruppen liegen auf einem klassischen Meridian, eine Stichgruppe liegt lokal auf einem arthrotischen Gelenk und drei Tätowierungen ließen sich nicht zuordnen.

Sehr interessant an dieser Entdeckung ist, dass nach der Analyse der Kombination dieser Akupunkturpunkte diese eine adäquate Therapie zur Behandlung von arthrotischen Beschwerden im Bereich der LWS, des Hüftgelenks, des Knies und des oberen Sprunggelenks darstellt. Auch Magen- und Darmbeschwerden sind in dieser Punktkombination mit einbezogen. Alles Diagnosen welche aufgrund von CT-Untersuchungen und Magen- Darmspiegelungen am Ötzi festgestellt werden konnten.

Weiter überraschte die Tatsache, dass neben einer Kombination von Akupunkturpunkten zum Lindern eines akuten Geschehens auch Akupunkturpunkte für eine konstitutionelle Behandlung tätowiert wurden,  - ein Beweis für schon weit entwickeltes medizinisches Wissen.

Die Mumie aus dem ötztaler Eis stammt aus der Zeit von 3200 vor Christus, d.h. sie ist über 5000 Jahre alt, während erste Aufzeichnungen über Akupunktur in China aus dem Jahre 415 vor Christus stammen. Diese Entdeckung  lässt die Vermutung zu, dass die Methode der Akupunktur einen deutlich früheren Ursprung hat, als bisher angenommen,  und sich diese Behandlungsmethode nicht nur im asiatischen Raum entwickelt hat. *(Quelle: http://www.akupunktur-arzt.de; Deutsche Akademie für Akupunktur e.V.)

Daraus resultierend entstehen weitere interessante Fragen, nämlich: wie reagiert ein Akupunkturpunkt auf eine Tätowierung? Dienten die Tätowierungen als eine Art Landkarte auf der der Patient sich, je nach Beschwerden, selbst behandeln konnte (z.B. durch Massieren des Punktes)? Oder hatte die Tätowierung an sich schon eine therapeutische Wirkung?

Im Fall des Ötzi-Projekts entschied man sich für die traditionelle Technik der Handtätowierung mittels einer Knochennadel, um zu untersuchen, ob die Tätowierung an sich schon einen nachweisbaren therapeutischen Effekt hat. Hierfür wurde eine Replik einer bei Ötzi gefundenen Knochennadel angefertigt.

Nach der Anfangsdiagnostik und dem Erstbefund wurde nach 3 Monaten und schließlich ein Jahr nach der Tätowierung einen Verlaufsbefund erstellt.

Der Probant kam  im August 2010 zur TCM-Diagnostik in meiner Praxis. Nach Erstellen eines Therapie-Konzeptes und Ermittlung einer geeigneten Kombination an Akupunkturpunkten wurde er im September 2010 tätowiert. Die Tätowierung selbst dauerte 6 Stunden und wurde mit der Hand mittels einer Knochennadel durchgeführt. Es wurden, wie auch bei Ötzi, Strichkombinationen tätowiert, wobei die Anzahl der Striche die Intensität des Reizes auf den Akupunkturpunkt beeinflussen sollte.

Drei Monate später, im November 2010 gab es die erste Nachuntersuchung und ein Jahr später, im Oktober 2011, dann die zweite Verlaufs-Kontrolluntersuchung

Hier nun die Ergebnisse:

Erstbefund im August 2010:

Patient männlich, 44 Jahre alt, Größe: 1.95 m, Körpergewicht 80 kg.

Der Patient leidet seit seiner frühen Kindheit am Early-Onset-Asthma, auch atopisches oder allergisches Asthma genannt. In der Anamnese finden sich Hinweise auf eine erbliche Komponente. Neben dem Asthma kommt es auch häufig zu assoziierten allergischen Reaktionen der Haut. Die Symptome des Asthmas verschlechtern sich eher bei Belastung oder nasskaltem Wetter. Morgens sind die Beschwerden grundsätzlich stärker (mit Abhusten von weißem Schleim). Desweiteren beschreibt der Patient, dass er  in den vergangenen Jahren bis zu drei Lungenentzündungen im Jahr bekam. An Medikamenten nimmt er als Dauermedikation 2 x täglich Kortikoide und Schleimlöser über ein Aerosol ein.

Weiter leidet der Patient an rheumatischen Gelenkschmerzen, insbesondere am rechten Kniegelenk (2-3 x im Monat), in der Lendenwirbelsäule nach längeren Autofahrten, in der rechten Schulter und dem rechten Ellenbogen (je nach Belastung). Zusätzlich leidet der Patient unter chronischen Verspannungen im Schulter-Nackenbereich mit Kopfschmerzen.

Der Patient berichtet von zunehmend ausgeprägten multiplen Allergien seit seiner Kindheit. Er habe einen leicht erhöhten Harndrang der ihn auch nachts aufstehen lässt und er leide an einem kontinuierlichen Ohrgeräusch (Tinnitus).

Am Tag der Befundaufnahme hat der Patient einen leichten Fingertremor an der rechten Hand und ein gerötetes linkes Auge fällt auf. Auf meine Frage berichtet der Patient dass die Augen häufiger tränen und gereizt sind. Körperlich ist eine ausgeprägte BWS Kyphose zu erkennen, ansonsten sind die Gelenke frei beweglich. Die Körperhaltung wirkt eher eingefallen und die Haut eher blass.

TCM – Diagnose:

Nach Anamnese, Puls- und Zungenbefund stellen sich folgende Syndrome dar:

 -       Schwäche des Abwehr-Qi-Systems von Lunge und Niere aufgrund einer ererbten                                                                                                 konstitutionellen Schwäche. (Wurzel)

-       Chronischer Befall von Wind, welcher sich in den Bronchien festgesetzt hat und dadurch Anfälligkeit gegen Eindringen von äußeren Wind

-       Lungen-Qi-  und Nieren-Yang-Mangel

-       Leber-Yin-Mangel

 

Therapieziel:

-       Asthma beruhigen

-       Oberfläche befreien und Wind-Kälte vertreiben

-       Das Absteigen des Lungen-Qi wiederherstellen

-       Lungen- und Nieren-Qi aufbauen

-       Abwehr-Qi von Lunge und Niere stärken

-       Leber-Qi nähren und bewegen.

 

 Punktkombination:

 

-       Fengmen  – Pforte des Windes: leitet Wind aus, senkt Lu-Qi ab, reguliert Abwehr-Qi

-       Feishu - Shu Punkt der Lunge: Stärkt Lu-Qi und senkt es ab, befreit die Oberfläche

-       Shenshu - Shu Punkt der Niere: Stärkt Ni-Qi, -yang + jing, nährt Ni-yin

-       Dingchuan - Asthma beenden: Hauptpunkt bei akuter Atemnot

-       Danzhong - offene Mitte: Meisterpunkt des Qi und des Brustkorbes

-       Shenfeng - Siegel des Geistes: reguliert gegenläufiges Qi und Lungen-Qi

-       Lieque - Lückenspalte: leitet Wind aus und senkt Lungen-Qi ab.

-       Kongzui - tiefes Loch: leitet Pathogene aus und senkt Lungen-Qi ab.

-       Zusanli - drei Entfernungen am Fuß: stärkt Qi und Yang, beruhigt den Geist, nährt

    Blut und Yin, stärkt die Milz, einflussreicher Punkt auf das Kniegelenk

-       Sanyinjiao - Treffpunkt der drei Yin: beruhigt Leber und den Geist, nährt Blut und

   Yin, stärkt Milz und Magen

-       Taixi - Große Schlucht: stabilisiert Niere und Lunge, stärkt Nieren-Yin und -Yang

-       Taichong - höchster Angriffspunkt: nährt Leber-Yin, beseitigt inneren Wind, beruhigt

       Spasmen und Leber Yang.

-       Fengchi - Windteich: beseitigt Wind und befreit die Sinne

-       Shenmen - Tor des Geistes: beruhigt den Geist, reguliert Herzblut und Yin.

 

Verlaufskontrolle und Wiederbefundung nach 3 Monaten: ( November 2010)

 

Im ersten Eindruck ist eine erstaunlich aufrechte Körperhaltung zu erkennen. Der Patient berichtet dass sich die Asthma-Beschwerden deutlich gebessert haben. Die Atemnot tritt seltener auf und er sei belastbarer. Trotz kalter und feuchter Wetterlagen kam es in den vergangenen 3 Monaten zu keiner Verschlechterung; in dieser Zeit hatte der Patient keine Lungenentzündung oder Bronchitis.

Die Kniebeschwerden treten seltener auf (1x in den letzten 3 Mo.), die Beschwerden der rechten Schulter und des rechten Ellenbogens treten unter Belastung noch auf, aber stark reduziert. Im ersten Monat nach der Tätowierung hatte der Patient keine Schulter-Nackenverspannungen, diese sind je nach Belastung aber geschwächt zurückgekommen; jedoch hatte er keine Kopfschmerzen. Seit der Tätowierung sei das Ohrgeräusch weg und auch die LWS  blieb beschwerdefrei. Die Augen waren seit dieser Zeit nicht mehr gereizt und der Harndrang habe sich normalisiert, er schlafe nachts meist durch. Nach Aussagen seiner Frau schnarche er nicht mehr. Einen Fingertremor hat er nicht mehr wahrgenommen.

Auffällig ist die deutlich aufrechtere Körperhaltung und der Patient berichtet dass er sich seit der Tätowierung selbstsicherer und psychisch belastbarer fühle.

 

Verlaufskontrolle und Wiederbefundung nach 1 Jahr: (Oktober 2011)

Bei der Wiedervorstellung nach einem Jahr fällt immer noch die deutlich aufgerichtete Körperhaltung auf. Er berichtet das die Asthma-Beschwerden wieder zugenommen hätten, auch die Wetterfühligkeit habe wieder zugenommen, sei aber im Vergleich noch deutlich geringer. Der Patient hatte im Verlauf des letzten Jahres keine Lungenentzündung, einmal hatte er eine beginnende Bronchitis, welche aber nach zwei Tagen wieder verschwunden war. Die Lendenwirbelsäule ist, trotz langer Autofahrten, noch beschwerdefrei. Die Verspannungen im Schulter-Nackenbereich seien seltener und auch nach Belastung nicht verschlechtert. Es sind keine Kopfschmerzen mehr aufgetreten. Die Ohrgeräusche sind seit der Tätowierung nicht mehr vorhanden. Die Kniebeschwerden sind nach langen Autofahrten wieder aufgetreten und je nach Belastung fangen auch wieder die Schmerzen in der Schulter und im Ellenbogen an. Die Augen seien seit einem Jahr beschwerdefrei und der Fingertremor ist nicht mehr aufgetreten. Der Harndrang sei immer noch im Normalbereich.

Auf geistig-/emotionaler Ebene sei die Selbstsicherheit und Ausgeglichenheit geblieben. Der Patient berichtet dass sein Leben strukturierter geworden sei.


Zusammenfassung und Einschätzung:

Der Befund nach drei Monaten hatte mich überrascht; der Reiz  der Tätowierung ist deutlich stärker als erwartet. Eine vergleichbare Wirkung hat man evtl. nach einer Akupunkturserie von 10-15 Behandlungen in Verbindung mit dem Einsatz von Kräutern. Die Veränderung auf geistig-emotionaler Ebene ist ein schönes Beispiel dass die Akupunktur ganzheitlich wirkt. Aus Sicht der TCM ist es beim allergischen Asthma wichtig neben der Lunge auch die Nieren zu stärken; auf  geistig-emotionaler Ebene steht die Niere für Selbstbewusstsein und die Lunge bringt Struktur und Ordnung, beides Eigenschaften welche sich bei dem Patienten verstärkt haben und sogar nach einem Jahr noch stabil wirken.

 

Nach meiner Einschätzung zeigt dieses Projekt, dass das Tätowieren von Akupunkturpunkten auf jeden Fall eine nachhaltige therapeutische Wirkung hat. Und das nicht nur für einen kurzfristigen Zeitraum, tatsächlich scheint die Tätowierung langfristig zu wirken. Der Befund nach 3 Monaten zeigt eine deutliche Verbesserung im gesamten Beschwerdebereich, dies an sich ist schon ein langer Zeitraum, aber trotz der Tatsache dass die Beschwerden innerhalb eines Jahres wieder zugenommen haben, sind doch einzelne Befunde wie die Schmerzen in der Lendenwirbelsäule, der Tinnitus, die Augenbeschwerden und der Kopfschmerz völlig verschwunden. Auch auf geistig-emotionaler Ebene scheint sich eine Verbesserung stabilisiert zu haben.

Das Asthma und die rheumatischen Beschwerden haben nach 1 Jahr wieder zugenommen, sind aber im Vergleich zum Anfangsbefund immer noch vom geringeren Ausmaß.

Wenn man den Patienten anleiten würde sich die tätowierten Bereiche regelmäßig selbst zu behandeln, z.B. mittels Wärme, Akupressur oder sogar die Punkte zu nadeln, kann man davon Ausgehen dass die Lebensqualität des Patienten weiterhin deutlich zunimmt.

So gesehen hat die Tätowierung  von Akupunkturpunkten eine starke therapeutische Wirkung und wurde aber sehr wahrscheinlich auch als eine Art Landkarte zur Selbsthilfe genutzt.

Zum Abschluss  sei noch zu erwähnen  dass die beeindruckenden Ergebnisse dieses Experiments wissenschaftlich gesehen nicht repräsentativ sind, da es weder eine Kontrollgruppe gab, noch objektivierbare Diagnosetechniken zum Einsatz gekommen sind (Lungenfunktionsprüfung, Blutanalysen, Allergiediagnostik). Zumindest liefern diese Ergebnisse doch genügend Hinweise um sich mit diesem Thema weiter zu beschäftigen.

 

Irg Bernhardt

-       Physiotherapeut seit 1996

-       Manualtherapeut

-       Therapeut für Akupunkt-Massage nach Penzel

-       Tuina Therapeut

-       2006 und 2008 in China ausgebildet in Traditioneller Chinesischer Medizin