Handwerk und Archäologie

In unserer modernen Wirtschaftswelt spielen die Mechanismen der Globalisierung eine immer größere Rolle. Die deutschen Handwerkskammern haben daher seit einiger Zeit Werbefilme gestartet, die mit dem Slogan: „Die Wirtschaftsmacht von nebenan“ für das Handwerk werben. Der Einduck entsteht, dass der Handwerker eine aussterbende Art ist. Und wenn der Handwerker des modernen Zeitalters ausstirbt, gilt das umso mehr für den historischen Handwerker.

 

Dieser Artikel beleuchtet die strukturellen Probleme, die dazu geführt haben, dass es immer schwieriger wird, kompetente Fachleute für die Lösung handwerklicher Probleme in der Archäologie zu finden.

1. Der Handwerker

Innerhalb des Prozesses archäologischer Forschung gibt es den Moment, in dem ein theoretisch erarbeitetes Modell einer praktischen Überprüfung standhalten sollte. „Wie haben sie das gemacht?“ ist die Kernfrage. An dieser Stelle gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man hat einen Spezialisten im Team, der sich die gefragte Technik bereits erarbeitet hat und sich sowohl in Material- als auch in Werkzeugkunde auskennt, oder man braucht einen Spezialisten von außen: einen in historischen Techniken versierten Handwerker.

Historisches Arbeiten unterscheidet sich in vielen Bereichen fundamental von der modernen, halbindustriellen Massenproduktion, da die Vorgaben für Erfolg sich unterscheiden. Ein Werkstück der heutigen Handwerksproduktion soll oft nicht mehr möglichst lange halten, es muss billig sein und deshalb auch eine kurze Herstellungsdauer haben. Diese Parameter sind für historisches Arbeiten nicht zu halten.

Auch das Aneignen der historischen Techniken braucht eine lange Zeit. Oft sind die nötigen Rohstoffe nicht einfach zu kaufen, sondern müssen selbst hergestellt werden. Die Qualität der Rohstoffe ist höher, als modern üblich, oder einfach anders. Eine moderne Handwerksausbildung ist hilfreich, kann aber den langen Lernprozess nicht ersetzen, der nötig ist, um sich auf historische Techniken zu spezialisieren. Ein Umlernen ist in jedem Fall erforderlich.

2. Kommunikation

Tritt der ideale Fall ein und es wird für die experimentelle Arbeit ein spezialisierter historischer Handwerker gefunden, tritt eine weitere Schwierigkeit auf. Die Kommunikation in Forschung und Handwerk bedient sich anderer Werkzeuge und anderer Strukturen.

Die Vorgaben der experimentellen Archäologie sind darüber hinaus dem Handwerker oft unbekannt, der es nicht gewohnt ist, seine Arbeit über die Zeiterfassung hinaus zu dokumentieren, mit Laborproben zu arbeiten oder Publikationswege zu nutzen. Der Archäologe hingegen legt den Schwerpunkt seiner Forschungsarbeit nach akademischen Gesichtspunkten fest. So fällt es beiden Beteiligten fällt es oft schwer, gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten und die wesentlichen Blickwinkel der eigenen Arbeit dem jeweils anderen zu übersetzen.

3. Einkommen

Der hohe Zeitaufwand, den ein Handwerker benötigt, um sich die nötigen historischen Techniken anzueignen, bringt die Frage auf, wovon er in dieser Zeit überleben will. Wie will er sein Einkommen erbringen? Eine schwierige Frage, vor allem weil es – zumindest in der Bundesrepublik Deutschland – auch  im Bereich Versicherung und Sozialgesetzgebung keine Organisation gibt, die sich für historische Handwerker zuständig fühlt: weder die Handwerkskammern noch die Industrie- und Handelskammer. Es bleiben zur Erwirtschaftung von Einkommen die diversen historischen Märkte und Veranstaltungen, bei denen aber wiederum die Gesetze des globalisierten Marktes greifen: schnell und billig.

Einige Handwerker lösen das Problem mit Haupterwerbstätigkeiten, die mit ihrem Handwerk nichts zu tun haben. Das wiederum verlängert die Zeit, die zum Erwerb von Kompetenz nötig ist.

Museen haben nur sehr selten genügend finanzielle Ressourcen, um Handwerker in Projekte zu integrieren. Und selbst wenn das möglich wäre, ist aus oben genannten Gründen ein entsprechender Fachmann schwer zu finden.

4. Kompetenznachweise

Akademiker und Handwerker sind nicht unbedingt kompatibel, könnte man denken. Es gibt von beiden Seiten generationenlange Witzlisten über die jeweils andere Spezies. Gerade im historischen Handwerk und in der experimentellen Archäologie sind aber beide auf einander angewiesen. Der Handwerker braucht die Forschung, um sein technisches Wissen zu erweitern, mehr über regionale Formen und Verfahren zu lernen. Und er wird gerne bereit sein, sein Wissen und seine Neugier in entsprechende Projekte einzubringen. Aber welche Qualifikation braucht er dazu? Und wie weist er sie nach?

Die modernen Handwerkskammern haben oft schon Schwierigkeiten, die handwerklichen Techniken zu prüfen, die noch vor 60 Jahren allgemeines Wissen waren. Ein Innungsmeister ist mit den Techniken der frühen Eisenzeit völlig überfordert, Handwerkskammern und Gesellenbriefe fallen also als Kompetenznachweis aus.

Hinzu kommt, dass die experimentelle Archäologie ihre eigenen strukturellen Parameter hat, die ein Handwerker kennen und einhalten sollte, wenn er in diesem Bereich arbeiten möchte. Das wäre ein zweiter Kompetenznachweis.

5. Lösungsvorschläge

Katrin Kania und ich haben mit dem Projekt „Europäisches Textilforum“ die Erfahrung gemacht, dass Handwerker und Archäologen hervorragend zusammen arbeiten können, wenn die Arbeitsweisen klar definiert sind. Es wäre daher wünschenswert, wenn Handwerker die Möglichkeit hätten, einen Kurs, ein Seminar oder eine entsprechende Fortbildungsmöglichkeit außerhalb des Universitätsbetriebs zu besuchen, mit dessen Abschluss sie sich zur Arbeit im Experiment qualifizieren könnten.

Gleichzeitig könnte man diese und andere Fachleute mit ihrem jeweiligen Spezialgebiet in ein zentrales Register aufnehmen, über das Archäologen die Möglichkeit haben, Fachleute für ihr Projekt gezielt anzusprechen. Eine länderübergreifende Organisation wäre hierfür ideal.

Schlussendlich geht es dabei natürlich auch um eine Perspektive für das historische Handwerk, genau wie für die experimentelle Archäologie. Denn die Erfahrung jedes Handwerkers, der aus finanziellen Gründen aus dem Prozess aussteigt und einen Brotberuf ausübt, ist für die Archäologie verloren. Die Herstellungsprozesse im historischen Handwerk aber erfordern viel Zeit, Ausdauer, Leidenschaft und Perfektion. Auf Hobbyniveau sind sie nicht zu bewerkstelligen - sie erfordern Professionalität und Spezialisierung. Und Spezialisierung ist ein zentraler Pfeiler unserer Kulturgeschichte. Sie sollte auch für das Handwerk in Zukunft möglich sein.